Juristische Fakultät
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Tipps zur Promotion

Das folgende Merkblatt wendet sich primär an meine eigenen Doktorandinnen und Doktoranden. Es kann aber vielleicht auch anderen Kandidatinnen und Kandidaten im Hinblick auf ihr Promotionsvorhaben behilflich sein. Natürlich sind alle Aussagen in dem Merkblatt wie gesagt auf eine Betreuung durch mich ausgerichtet, manche Gedanken sind jedoch möglicherweise generalisierend und übergreifend gültig.

Promotionsanfragen können von mir nur berücksichtigt werden, wenn die Kandidatin bzw. der Kandidat in meinen eigenen Lehrveranstaltungen über einen längeren Zeitraum hinweg mit überdurchschnittlichen Leistungen aufgefallen ist, insb. auch mit guten mündlichen Leistungen. Es gelten die Vorschriften der Promotionsordnung der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Übersicht

  1. Grundsätzliches zum Promotionsvorhaben
  2. Festlegung des Themas und der anzuwendenden wissenschaftlichen Methoden
  3. Gliederung einschließlich Literatur- und Rechtsprechungs-Auswertung
  4. Anfertigung des Buchmanuskripts

1. Grundsätzliches zum Promotionsvorhaben

  • Sie haben sich zur Promotion entschlossen. Dazu gratuliere ich Ihnen ganz herzlich in dem Bewusstsein, dass der Doktortitel für Sie nicht nur ein persönliches Erfolgserlebnis sein wird, sondern seine Stellung als vorzeigbares Prädikat auf dem Arbeitsmarkt ganz sicher weiterhin behalten wird. Es mehren sich die Kanzleien, die jüngere Anwältinnen und Anwälte nur bei abgeschlossener Promotion einstellen.
  • Das vorliegende Merkblatt soll Sie über die Arbeitsschritte innerhalb des Promotionsprojekts informieren. Ich werde dabei auch mehrmals auf meine eigene Dissertation („Die Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft als Familienangehörige?“, 1987) verweisen, und zwar nicht deshalb, weil dies die bestmögliche Dissertation sei - um Gottes Willen -, sondern weil ich einfach hier meine eigenen Erfahrungen plastisch herausstellen und weitergeben kann.
  • Die wichtigste Fähigkeit, die Sie nun in der nächsten Zeit erwerben müssen, ist der stetige vorausschauende Blick auf das fertige Buch. Nur was Sie dem Ziel der Fertigstellung der Dissertation näherbringt, ist eine gewinnbringende Arbeitsleistung. Dass man hierbei manchmal unvermeidbar Umwege einschlägt, ist normal. Gleichwohl sollen Sie ab sofort immer die fertige Dissertation im Visier haben.

2. Festlegung des Themas und der anzuwendenden wissenschaftlichen Methoden

  • Als erstes gilt es, das Thema der Dissertation zu formulieren. Es sollte eine Thematik sein, zu der schon einiges an Literatur und Rechtsprechung vorhanden ist, aber nicht so viel, dass Ihnen als wissenschaftlichem Neuling die Einarbeitung gar nicht mehr gelingen kann. Die genaue Durchsicht der NJW-Hefte der letzten Zeit kann hier sehr fruchtbar sein, insb. der Blick auf neue Grundsatzentscheidungen des BGH, in denen einiges an Material zitiert wird, über das Sie sich gut in die jeweilige Thematik einarbeiten können. Man darf sich nichts vormachen: Die Themenfindung ist der nervlich anstrengendste Teil der gesamten Promotions-Arbeit. Man weiß noch nicht, ob die Thematik wirklich etwas hergibt, muss sich also möglicherweise in mehrere Themenbereiche einarbeiten, bis man richtig fündig geworden ist und so fort. Insgesamt fühlt man sich in dieser Phase meist ziemlich allein und weiß gar nicht so recht, ob so ein Promotionsvorhaben überhaupt für einen das Richtige ist etc. Durch dieses Tal muss man hindurch, und ein waches Auge wird nach einer gewissen, nicht allzu langen Zeit eine Thematik entdecken, die der weiteren Vertiefung lohnt und am Ende dann das genaue Thema der Dissertation ergibt.
  • Oftmals wird man mit einer bestimmten Themenvorstellung an die Recherchearbeiten herangehen und dann bemerken, dass speziell die in den Blick genommene Thematik entweder unergiebig ist oder aber bereits so ausführlich erörtert wurde, dass eine eigene Dissertation nicht mehr fruchtbringend erscheint. Wenn man dann aber die Augen ganz weit offen hält, wird man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Themenstruktur finden, welche dem ursprünglich angedachten Thema benachbart ist und als lohnend erscheint. So ist es mir selbst seinerzeit gegangen. Ich wollte über nichteheliche Lebensgemeinschaften schreiben und hatte mit meinem Doktorvater das nahe liegende Thema „Ausgleichsansprüche nach beendeter nichtehelicher Lebensgemeinschaft“ vereinbart. Bereits kurz nach dieser Themenfestlegung musste ich feststellen, dass sämtliche denkbaren Ansätze der Ausgleichsfrage bereits in der Lit. vertreten wurden und ich dazu nichts Eigenes mehr würde beitragen können. Mir fiel aber auf, dass eine benachbarte Frage noch nicht übergreifend behandelt worden war, und zwar die Frage, ob in den zahlreichen Normen, in denen das BGB von „Familienangehörigen“ spricht, jeweils auch Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft angesprochen sind. Dazu gab es jeweils zu den einzelnen Vorschriften einzelne Aufsätze und erste Urteile, aber noch keinen übergreifenden Ansatz. Den habe ich dann nach kurzer erfolgreicher Rücksprache mit meinem Doktorvarer in Angriff genommen.
  • Sehr eng mit der Themenfindung ist die Auswahl der wissenschaftlichen Methoden verwandt. Sehr viele Doktorarbeiten erreichen leider nur ein bescheidenes Niveau, und der Grund hierfür ist meist darin zu sehen, dass sich die Doktorandinnen und Doktoranden nicht wirklich klar gemacht hatten, dass sie in der Tat als Wissenschaftler tätig werden und jedenfalls in Teilbereichen auch eigene Ansätze entwickeln sollten. Im Zuge der Themenfindung muss sich also jede Doktorandin bzw. jeder Doktorand sehr schnell darüber klar werden,  mit welchen wissenschaftlichen Methoden das gewählte Thema bearbeitet werden soll. Die Juristische Methodenlehre stellt inzwischen einen ganzen Kanon an möglichen Methoden zur Verfügung. Der angehenden Doktorandin bzw. dem angehenden Doktoranden am vertrautesten ist die Rechtsdogmatik. Hier geht es um die Auslegung des Rechts mit den bekannten Auslegungskriterien, ferner um die dogmatische Systembildung. Die meisten juristischen Doktorarbeiten sind entweder ganz oder aber zumindest überwiegend rechtsdogmatisch angelegt. So war z.B. auch die von mir gewählte Fragestellung mit den „Familienangehörigen“ ihrer Struktur nach dogmatisch. Nun haben die letzten 100 Jahre juristischer Wissenschaftsgeschichte aber ergeben, dass es in Widerlegung des von Kelsen mit seiner „Reinen Rechtslehre“ verfolgten Ansatzes oftmals nicht möglich ist, nur mit begrifflich-systematischen rechtlichen Kriterien zu arbeiten. Vielfach müssen, auch und gerade um dogmatische Fragen befriedigend klären zu können, außer-dogmatische Ansätze herangezogen würden. Dies können rechtsgeschichtliche, rechtssoziologische (vor allem rechtstatsächliche) Ansätze ebenso sein wie ein Rückgriff auf die ökonomische Analyse des Rechts oder aber rechtsvergleichende Ansätze etc. Auch explizit interdisziplinäre Ansätze können erfolgversprechend sein. Bei meiner eigenen Dissertation stach sehr schnell ins Auge, dass die Frage, was heutzutage eine „Familie“ ist, nicht ohne Berücksichtigung der Soziologie beantwortet werden konnte. Ich habe mich daher intensiv in die moderne familiensoziologische Literatur eingearbeitet.
  • Ganz besonders wichtig wird die Besinnung auf die anzuwendenden Methoden, wenn man auf einmal entdeckt, dass das Dissertations-Thema entgegen erster Hoffnung doch schon bereits in ähnlicher Weise bearbeitet wurde. In aller Regel ist es dann nicht erforderlich, auf ein ganz anderes Thema auszuweichen. Die Hinzunahme etwa rechtshistorischer oder rechtsvergleichender Bezüge zu dem ursprünglichen Ansatz ist sehr oft aus-reichend, um das begonnene Projekt zu „retten“ (siehe noch näher sogleich unter III.).

3. Gliederung einschließlich Literatur- und Rechtsprechungs-Auswertung

  • Unmittelbar nach der Themenfindung sollte man darangehen, eine mögliche, wenngleich zunächst wahrscheinlich noch etwas ungenaue Gliederung zu entwerfen. Die Gliederung ist deswegen von so großer Wichtigkeit, weil Sie erst ab dem Zeitpunkt des Gliederungs-Entwurfes darangehen können, Literatur und Rechtsprechung wirklich zielgerichtet auszuwerten.
  • Damit sind wir bei genau diesem Punkt der Auswertung von Literatur und Rechtsprechung. Die meisten der nur mäßig guten bis miserablen Dissertationen scheitern hier, weil die Verfasser es nicht geschafft haben, die etwaige Fülle von vorgefundenem Material für ihr Buch fruchtbar zu machen. Vielmehr sind sie oft regelrecht in dem Material ertrunken. Auch hier gilt wieder: Alles steht im Dienst Ihres im Werden begriffenen Buches. Das heißt konkret: Da sich kein Mensch merken kann, was er im einzelnen gestern, vorgestern oder noch länger zurückliegend gelesen hat, muss ab dem ersten Tag alles Gelesene sorgsamst verwertet werden. Das geht nur durch Herausschreiben der wichtigsten Aussagen der jeweiligen Fundstelle, und zwar wieder nur unter dem Blickwinkel, inwieweit das jeweils Gelesene wirklich mit der eigenen Thematik zu tun hat. Solange die Gliederung des eigenen Buches noch fehlt, muss man jede gelesene und ausgewertete Stelle auf einem eigenen Blatt festhalten. Sobald aber die Gliederung steht, wird dies ganz anders: Nun wird für jeden Gliederungs-Unterpunkt ein eigenes DIN A-3 Blatt zurechtgelegt, und ab jetzt wird alles Gelesene und für relevant Empfundene auf dem jeweils einschlägigen DIN A-3 Blatt vermerkt, und zwar mit exakter jeweiliger Seitenzahl der Quelle. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass Sie beim Abfassen des endgültigen Manuskriptes zu jedem Kapitel nur noch das jeweils einschlägige Din A-3 Blatt neben sich zu legen brauchen und sofort alles an Literatur und Rechtsprechung parat haben, was jeweils relevant ist. Dies ist der eigentliche Zaubertrick beim Verfassen der Dissertation. Die eben beschriebene Methode hat natürlich zur Folge, dass bestimmte zentrale Quellen auf verschiedenen DIN A-3 Gliederungs-Blättern vermerkt werden müssen, weil sie eben zu verschiedenen Punkten der eigenen Arbeit etwas aussagen und daher auch an verschiedenen Stellen der eigenen Arbeit zitiert werden müssen. Und sobald die Gliederung steht und mit ihr die Anlegung der beschriebenen DIN A-3 Blätter, muss – quasi als Repetitorium – alles, was Sie bis dahin ausgewertet und auf Sonderblättern niedergeschrieben haben, in die Gliederungsblätter übertragen werden. Übrigens empfiehlt es sich dringlichst, die Auswertungen auf dem DIN A-3 Blatt mit Blau oder Schwarz vorzunehmen und sodann kontrastierend mit Rot auf dem jeweiligen Gliederungsblatt nach und nach die eigenen Gedanken zu formulieren. Man kann all dies auch mit Datenbanken auf dem PC durchführen, die Erfahrung zeigt allerdings, dass nichts so effektiv ist wie die soeben beschriebene Vorgehensweise auf Papier. Natürlich wird sich im Laufe der Arbeit die Gliederung im Verhältnis zum ersten Entwurf immer noch an verschiedenen Stellen ändern. Das macht die bis dahin jeweils beschriebenen DIN A-3 Gliederungsblätter aber nicht wertlos. Sie müssen meist nur bezüglich der Gliederungsnummer umgeschrieben werden. Manchmal, wenn nämlich aus einem Gliederungspunkt mehrere werden, muss ganz einfach geschnipselt und geklebt werden, wie in alten Zeiten.
  • Wegen der Wichtigkeit der Gliederung ist diese sorgsam mit mir abzusprechen. Mit der Gliederung steht und fällt letzten Endes das ganze zu schreibende Buch. Idealerweise vergehen vom ersten Einlesen in eine Thematik bis zur Erstellung der Gliederung einschließlich der Speicherung der gelesenen Quellen auf den anzufertigenden DIN A-3 Gliederungsblättern nicht mehr als 3 Monate.
  • Bei der Anfertigung der Gliederung muss sich die Doktorandin bzw. der Doktorand in ganz besonderer Weise darüber klar werden, an welchen Stellen er lediglich berichtend-darstellerisch tätig wird („Bisherige Rechtsprechung und Literatur zur Frage der …“ o.ä.) und an welchen Stellen die eigenen Ansätze eingebracht werden. Die Vermischung dieser beiden Ebenen führt dazu, dass eine Dissertation, die auf solch unfruchtbarem Fun-dament fertiggeschrieben wurde, meist nicht mehr wirklich befriedigend verbessert werden kann. Hier liegt die Haupt-Quelle der vielen unerfreulichen Promotionserfahrungen, welche sowohl die Doktorandin bzw. den Doktoranden als auch die Betreuerin bzw. den Betreuer über einen längeren Zeitraum auf das Äußerste quälen können. Typisch für solchen Verdruss sind Kapitel, in denen die Doktorandin bzw. der Doktorand den Meinungsstand zu einer bestimmten Frage darstellen möchte und dann in diesem Kapitel bereits Wertungen zu dem Meinungsstand abgibt, welche zwingend der eigenen Erarbeitung von Lösungsansätzen an anderer Stelle hätten vorbehalten werden müssen.
  • Selbstverständlich hat während der gesamten Promotionszeit das wesentlichste Augenmerk der Doktorandin bzw. des Doktoranden der Frage zu gelten, welche eigenen Ansätze das Projekt schlussendlich promotionswürdig machen sollen. Das größtmögliche Unglück ist das Ertrinken der Bearbeiterin bzw. des Bearbeiters in einer etwaigen Fülle von Rechtsprechung und Literatur. Die Auswertung dieser Quellen muss stets und ausschließlich aus dem Blickwinkel der zu entwickelnden eigenen Ansätze erfolgen und darf nie dazu führen, dass die Doktorandin bzw. der Doktorand den eigenen wissenschaftlichen Weg nicht mehr erkennen kann. Natürlich wird man am Anfang der Bearbeitungszeit von den eigenen Ansätzen und Gedanken erst eine schemenhafte Vorstellung haben. Irgendwann im Zuge der Promotionszeit wird einem aber das eigene System hinreichend klar, und dann ist das Ende der Dissertation meist auch nicht mehr weit. Bei mir war dies damals die Erkenntnis, dass sich soziologisch der Familienbegriff in den letzten 100 Jahren dramatisch verändert hat und dass die Rechtsdogmatik hierauf unter dem anerkannten rechtsmethodologischen Kriterium der „gewandelten Normsituation“ zu reagieren hat.
  • Sobald die Gliederung der Dissertation steht und von mir abgenommen wurde, kann getrost rapide die Urangst jeder Doktorandin bzw. jedes Doktoranden sinken, dass nämlich zu dem eigenen Thema auf einmal eine themenidentische Arbeit erscheint. Sollte dem wirklich so sein, so ist man, wenn die eigene Gliederung schon steht, von den eigenen Gedanken und Ansätzen her schon so gefestigt, dass auch eine themenverwandte Neuerscheinung das Projekt nicht mehr gefährden wird. Denn es ist ja komplett unwahrscheinlich, dass die Autorin bzw. der Autor eines solchen themenverwandten Buches mit denselben Gedanken, Ansätzen und Ergebnissen gearbeitet hat wie man selber. In aller Regel genügt es dann, wenn das neuerschienene Buch an den relevanten Stellen in die Fußnoten der eigenen Dissertation eingearbeitet wird („In diesem Sinne nunmehr, allerdings mit anderem Ansatz, auch …“ o.ä.). Wenn es ganz schlimm kommt und das neuerschienene Buch in der Tat eine sehr starke Ähnlichkeit mit dem im Werden begriffenen eigenen Buch aufweist, so wird die Rettung des eigenen Vorhabens in der Regel dadurch möglich sein, dass man das eigene Thema nochmals etwas modifiziert, ggf. unter Ausweitung des Methodenkatalogs (z.B. verstärkte Einarbeitung rechtstatsächlicher oder rechtsvergleichender Ergebnisse).

4. Anfertigung des Buchmanuskripts

  • Sobald man die Gliederung fertiggestellt hat und auch in den Recherchefeldern keine allzu großen Lücken mehr vorhanden sind, die man also nicht noch zügig bei der Niederschrift des Manuskriptes schließen kann, geht es an die Reinschrift. Von überragender Bedeutung sind hierbei das einleitende Kapitel und eine Schluss-Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.
  • In der Einleitung, welche mir bereits im ersten Entwurf vorzulegen ist, muss messerscharf herausgearbeitet werden, warum das gewählte Thema wissenschaftlich interessant ist, was im einzelnen untersucht werden soll, was andererseits (vielleicht weil hierzu schon ausreichend anderweitig geforscht wurde) ausgeklammert bleiben soll und mit welchen Methoden vorgegangen werden soll (hier auch Begründung der Methodenwahl). In der Einleitung ist in aller Kürze auch bereits eine methodische Vorschau auf die einzelnen Untersuchungsteile vorzunehmen. Idealerweise wird diese Einleitung nicht wesentlich mehr als etwa drei Seiten ausmachen. Es ist selbstverständlich, dass der Gang des fertigen Buches dann exakt den Vorhersagen der Einleitung entsprechen muss.
  • Eine wie eben beschrieben angelegte Einleitung zwingt die Doktorandin bzw. den Doktoranden zu einem ständigen Überdenken des Projektes. Bei vielen schlechten Doktorarbeiten hat man den Eindruck, dass die Kandidatin bzw. der Kandidat sich niemals wirklich gefragt hat, „was“ sie/er eigentlich „wie“ untersuchen möchte. So ist man dann bei solchen Arbeiten am Anfang im Unklaren, was eigentlich kommen soll, während der Lektüre des Buches weiß man sodann nicht, warum das jeweilige Kapitel an dieser Stelle wichtig sein soll, und am Schluss ist man ratlos, was jetzt schließlich herausgekommen ist. So etwas darf Ihnen auf keinen Fall passieren, und es wird nicht passieren, wenn Sie sich bei der Erarbeitung der Einleitung die nötige Mühe geben!
  • Mit der Einleitung auf das Präziseste korrespondieren muss die Schluss-Zusammenstellung der wesentlichen Untersuchungsergebnisse. Alles was in der Einleitung versprochen wurde, muss dort (nochmals) in aller Kürze wieder aufscheinen, und diese Schlusszusammenfassung darf nichts enthalten, was in der Einleitung nicht bereits angelegt war. Daraus ergibt sich, dass das Feilen an der Einleitung den Arbeitsprozess richtigerweise über die ganze Promotionszeit begleitet. Der Schlusszusammenfassung kommt auch deswegen eine überragende Bedeutung zu, weil jede Leserin bzw. jeder Leser – mit Ausnahme der Betreuerin bzw. des Betreuers und der Zweitgutachterin bzw. des Zweitgutachters – im Zweifel angesichts der heutzutage erscheinenden Materialflut bedauerlicherweise allenfalls diese Ergebnisse lesen wird.
  • Innerhalb des eigentlichen Buchmanuskripts spielt natürlich die Einarbeitung des vorgefundenen Materials eine wichtige Rolle. Es entspricht der selbstverständlichen wissenschaftlichen Redlichkeit, alles anzugeben, was zu der jeweils vorhandenen Frage bereits erschienen ist. Natürlich können Sie sich bei Fragen, welche nicht direkt den innersten Nerv Ihres Themas betreffen, mit der Nennung der Standardquellen und dem Zusatz „m.w.Nw.“ helfen. Wichtig ist aber, dass Sie sich insgesamt nicht mit fremden Federn schmücken. Das absichtliche Unterschlagen von ausgewerteten und in der Arbeit herangezogenen Fundstellen kann die spätere Aberkennung des Doktortitels zur Folge haben!
  • Bedeutsam ist ferner, dass die Auswertung des Quellenmaterials in ansprechender Weise vorgenommen wird. Geradezu tödlich sind literarische Massengräber der Art „Mayer meint… Schulze dagegen ist der Auffassung… Dagegen ist Huber der vermittelnden Ansicht…“ So ein Buch werde ich niemals als Dissertation akzeptieren. Zunächst einmal: Die wörtliche Wiedergabe von Zitaten erfolgt nur bei ganz besonders wichtigen Aussagen, also nur äußerst selten. Auch die Benennung von Einzelautoren im Text beschränkt sich auf ganz besonders prominente und bedeutende Aussagen. Ansonsten wird im Text die jeweilige Meinung dargestellt („Nach heute herrschender Ansicht…. Demgegenüber sind nach anderer Ansicht…“ o.ä.) und dann zusammenfassend mit einer Fußnote belegt. Und bedenken Sie: Wenn auch die Auswertung und Wiedergabe des jeweiligen Meinungsstandes in jeder Dissertation einen wichtigen Platz einnimmt, so sind wirklich wichtig doch nur Ihre eigenen Ansätze, die Sie dann als solche auch erkennbar herausstellen müssen (nochmals: Vermischen Sie niemals darstellende Abschnitte mit eigenen Gedanken!).
  • Typischerweise werden Sie Ihre Dissertation in mehrere Untersuchungsteile untergliedern. Nach einem alten Bonmot sind dies meist drei Teile („1. Was Verf. über das Thema gelesen hat. 2. Was sich Verf. zu dem Thema gedacht hat. 3. Was die Leserin bzw. der Leser jetzt weiß.“) Natürlich hat jedes Thema seine eigene innere Struktur, aber so ganz falsch wird das genannte Bonmot häufig nicht sein.
  • Übrigens empfiehlt sich in dem fertigen Buch eine zweigeteilte Gliederungsstruktur: Zum einen die eben genannte Untergliederung in mehrere Untersuchungsteile, zum anderen die vom Anfang des Buches bis zu seinem Ende fortlaufende Durchnummerierung der einzelnen Kapitel mit §§-Nummern.
  • Eine der Urängste jeder Doktorandin bzw. jedes Doktoranden ist die Furcht, schlussendlich trotz starker Arbeit nur einige wenige Seiten zu dem Dissertations-Thema zu Papier bringen zu können. Befreien Sie sich von solchen Sorgen! Der Umfang einer Dissertation ist kein Qualitätskriterium. Und Sie werden sehen, dass Sie schon nach kurzer Zeit sehr viele Seiten zu Papier gebracht haben und es schlussendlich eher darum geht, noch zu kürzen und das fertige Buch nicht unnötig anschwellen zu lassen. Ein erfreulicher Umfang sind 250 Textseiten + Verzeichnisse.
  • Was die genaue Zitierweise in den Fußnoten anbelangt, so ist hier vieles variabel gestaltbar. Wichtig ist einzig, dass die Zitierung von Urteilen, Aufsätzen, Monographien, Kommentaren etc. innerhalb des ganzen Buches sklavisch jeweils in gleicher Form vorgenommen werden muss. Dies geht insb. bis hin zur Einfügung von Kommata, Strichpunkten o.ä. innerhalb eines Zitats. Legen Sie also vor Beginn der Reinschrift penibelst fest, wie Sie im einzelnen jeweils Urteile, Aufsätze, Kommentare etc. zitieren möchten, und halten Sie dieses System dann mit äußerster Präzision durch. Fragen Sie sich also beispielsweise, ob Sie jeweils „S.“ für „Seite“ angeben wollen (empfiehlt sich nicht, besser also z.B. Mayer, NJW 19.., 23.. o.ä.). Bei Aufsätzen lässt man übrigens gewöhnlich in der Fußnote den Titel weg und beschränkt sich auf die Fundstelle. Bei Büchern wird meist der Titel auch in der Fußnote angegeben, Sie können aber auch im Literaturverzeichnis, welches selbstverständlich jede einzelne zitierte Quelle (und nur diese) exakt benennen muss, bei einzelnen Büchern eine abgekürzte Zitierung im Text bzw. den Fußnoten festlegen („zit …“).
  • Nun geht es also darum, das begonnene Projekt mit Augenmaß zu einem guten Ende zu bringen. Dazu wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute! Orientieren Sie sich immer wieder auch an der Durchsicht von Dissertationen, die in einem Verlag veröffentlicht wurden und damit bezeugen, dass sie mit einer guten Note abgeschlossen wurden. Solche veröffentlichten Dissertationen finden in Sie in der Seminarbibliothek dort, wo die Monographien stehen. Sie werden hier, gerade auch wenn Sie Dissertationen durchmustern, die nicht zu Ihrem Themenkreis zählen, zahlreiche wichtige Anregungen zu einer guten methodischen und  darstellerischen Vorgehensweise finden. Glück auf!