Juristische Fakultät
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Durchgefallen - und jetzt?

In den vielen Jahren meines Dozentenlebens habe ich eine immens große Anzahl von Studierenden getroffen, die das Juristische Staatsexamen nicht bestanden haben. Pauschale durchgeformte Ratschläge gibt es hier nicht, da jeder Fall anders liegt. Es gibt aber einige Grundkonstanten, die immer wieder zu beobachten sind. Hierauf soll im Folgenden eingegangen werden. Dabei geht es hier nur um die Konstellation, dass noch ein Versuch im Examen frei ist. Wer endgültig gescheitert ist, kann Hilfe nur noch vom Arbeitsamt/Jobcenter bekommen, wo es dem Vernehmen nach eine eigene Arbeitsgruppe für endgültig Durchgefallene gibt. Ebenfalls von den folgenden Bemerkungen nicht angesprochen sind gescheiterte Freischützen, die sich nicht ordentlich vorbereitet hatten; sie haben die verdiente Quittung für einen eklatanten Missbrauch von Verfahrensrechten bekommen und müssen sich eben jetzt auf ihren Hosenboden setzen.
  • Die Chance, das Examen nach einem gescheiterten Anlauf, auf den man sich eigentlich umfassend vorbereitet hatte, noch zu packen, ist sehr klein. Das muss Ihnen klar sein. Wenn Sie jetzt versuchen, unter Inkaufnahme sagenhafter innerer und äußerer Verkrampfungen aus dieser kleinen Chance eine 100%-Chance zu machen, dann sind Sie schon durchgefallen, bevor Sie wieder antreten. Sie müssen jetzt, auch wenn es schwer ist, spielerisch an die Sache herangehen und um die kleine - aber immerhin vorhandene - Chance pokern, nach dem Motto, dass Sie nichts mehr zu verlieren haben. Aus der Geschichte wissen wir, wie oft auch kleine Chancen erfolgreich genutzt werden konnten. Immerhin kenne ich auch eine größere Anzahl von Studierenden, die es im letzten Anlauf tatsächlich geschafft haben. Diese Kandidatinnen und Kandidaten hatte ich allerdings gezwungen, nun endlich auf mein Vorbereitungssystem umzusteigen.
  • Legen Sie sofort fest, wann Sie den nächsten Examensversuch angehen werden. Auf dieses Datum ist dann alles andere auszurichten. Im Zweifelsfall empfiehlt sich ein weiteres Jahr Vorbereitung, das muss genügen. Der Versuch, „jetzt mal zu lernen und ins Examen zu gehen, wenn die Sache sitzt“, ist zum Scheitern verurteilt, das zeigen mir alle derartigen Versuche. Ich kenne Studierende, die auf diese Weise sechs ganze Jahre weiterer Examensvorbereitung hingelegt haben und sich immer noch nicht trauen, ins Examen zu gehen. Das kann dann nichts mehr werden.
  • Sie müssen sich sofort einen exakten Plan B zurechtlegen für den Fall, dass es auch im letzten Anlauf nicht klappt. Sonst können Sie die nächsten Monate psychisch nicht durchstehen. Und das Leben geht weiter. Selbst wenn Sie endgültig durchfallen, tritt nicht der Tod ein. Wer in Kalkutta auf der Straße geboren wird, hat es wesentlich schlechter erwischt. Irgend etwas müssen Sie sich zurechtlegen (anderes Studienfach, Ausbildung an einer Wirtschaftsschule oder –akademie, Versicherungs- oder Banklehre…), ganz gleich was, jedenfalls brauchen Sie einen Ausbildungsabschluss.
  • Betreiben Sie Ursachenforschung. Im Zweifelsfall sind Sie auf alle drei großen Lügen zum Juristischen Studium hereingefallen (siehe meine Erstsemester-Tipps). Der idealtypische Durchgefallene war beim Repetitor, kennt das konsequente Lernen am Lehrbuch nur vom Hörensagen und hat viel zu wenige fünfstündige Probeklausuren geschrieben. Dann ist eigentlich alles klar. Befreien Sie sich nunmehr endlich von den Fängen des Repetitors, arbeiten Sie den Examensstoff nun endlich anhand von akademischen Lehrbüchern (Brox/Walker etc.) durch und schreiben Sie endlich die nötige Anzahl an Probeklausuren. Ich rate vor dem ersten Examensversuch zu mindestens 50 Klausuren (alle Fächer zusammengenommen). Wer bereits einmal durchgefallen ist, muss mindestens 100 Klausuren schreiben (ich habe seinerzeit vor meinem Examen auch 100 Klausuren geschrieben, obwohl oder gerade weil ich von Anfang an einer der Besten war). Was die Stoffdurcharbeitung angeht, so halten Sie sich bitte an meinen Examensplan, allerdings mit einer wesentlich strafferen Zeitspanne: Mein normaler Examensplan basiert auf einer Laufzeit von 18 Monaten, Sie müssen das aber in 11 Monaten schaffen und die Zeitspannen für die einzelnen Fächer entsprechend kürzen und so täglich wesentlich länger lernen, da hilft nun mal nichts.
  • Sollte bei Ihnen der Fall anders liegen, sollten Sie sich also vor dem gescheiterten Versuch so vorbereitet haben, wie ich es empfehle und wie es vernünftig ist, so versagen endgültig pauschale Ratschläge. Sie müssen sich dann zunächst fragen, ob die Ursache des Scheiterns möglicherweise nicht im juristischen Bereich liegt, sondern im Bereich von Prüfungsängsten. Sollte dem so sein, werden Sie entsprechende Hilfe in Anspruch nehmen. Ansonsten empfiehlt es sich, wenn wie gesagt die Ursachen des Scheiterns nicht so klar liegen wie im vorigen Spiegelstrich beschrieben, alles ganz radikal anders zu machen als bisher, da das bisherige System ja den Erfolg nicht gebracht hat. Wer sich also beispielsweise – was ja eigentlich richtig ist – ohne Repetitor vorbereitet hatte und gescheitert ist, sollte es ausnahmsweise vielleicht jetzt dann doch mit einem Repetitor versuchen, aber nur mit einem, der den ganzen Examensstoff in neun Monaten durchbekommt.
  • Auf, ans Werk jetzt, Kopf hoch! Bloß kein Selbstmitleid, Sie wissen ja: Mitleid gibt es umsonst, Neid und Missgunst muss man sich hart erarbeiten.