Juristische Fakultät
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Rezension Christoph Schäfer

Schäfer, Christoph, Spitzenmanagement in Republik und Kaiserzeit. Die Prokuratoren von Privatpersonen im Imperium Romanum vom 2. Jh. v. Chr. bis zum 3. Jh. n. Chr.

(= Pharos, Studien zur griechisch-römischen Antike, Bd. X). Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 1998, X, 287 S.

in: Savigny-Zeitschrift Rom. Abt. 118 (2001) S. 439-442

- Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Böhlau Verlags -

In den letzten Jahren ist das Interesse an den Fragen von Management, privater Vermögensorganisation und -verwaltung in Rom gestiegen. Das Buch, das hier zu besprechen ist, reiht sich in diese Tendenz ein. Als Althistoriker wagt Schäfer den Brückenschlag von der antiken Wirtschaftsgeschichte zur Jurisprudenz. Ob er allerdings eine glückliche Hand gehabt hat, seiner Untersuchung die von Behrends entwickelte scharfe begriffliche Trennung zwischen procurator omnium rerum und Mandatsprokurator zugrunde zu legen (S. 27 ff.), ohne die gewichtigen Einwände dagegen zu beachten, möchten wir bezweifeln[1]. Damit legt er auch die literarischen und epigraphischen Quellen in das Prokrustesbett eines starren Typus und vergibt damit die Chance, aus den verschiedenen Erscheinungsformen Konturen zu gewinnen, welche die Jurisprudenz bei der Behandlung der Rechtsfragen beachtete. Wie die neuere Rechtsgeschichte und die moderne Rechtsvergleichung schließlich zeigen, ist die mittelbare Stellvertretung in ihrer Funktion zwar leicht zu erfassen, für ihr Funktionieren jedoch ist ein ganzes Bündel von Instituten und Rechtsbehelfen nötig, die subtil gehandhabt werden müssen. Sie schließt auch nie aus, wie es uns schon die römischen Treuhandverhältnisse lehren, daß bestimmte Rechtswirkungen dem Vertretenen und nicht dem Vertreter zugerechnet werden.

Angesichts dieser Gemengelage erscheint es uns auch als äußerst schwierig, direkte, gradlinige historische Entwicklungen zu postulieren. Das zeigt sich nicht zuletzt bei der Prozeßvertretung, wo je eigene für den Prozeß grundlegende Bedürfnisse der Rechtsordnung beachtet werden müssen, ohne daß von da aus schon Schlüsse auf die Organisation der Vermögensverwaltung gegen außen gezogen werden dürfen. So geht es nicht allein um die Frage der Zahlungsbereitschaft des procurator, sondern auch um dessen Liquidität und schließlich um das Interesse des Prozeßgegners, nicht ein weiteres Mal in der gleichen Sache vor Gericht gezogen zu werden. Die Dinge können sich überlagern, Institute gleichzeitig entwickelt worden sein, sich gegenseitig beeinflussend, aber auch im jeweiligen Anwendungsbereich differenziert. Schon der öfters zitierte Ausgangspunkt, das angebliche Fehlen einer Vertretungsmöglichkeit im bekannten Falle des M. Atilius Regulus im ersten punischen Krieg, ist fragwürdig: In vielen Situationen will und muß der Eigentümer selbst zum Rechten sehen, obschon er sich vertreten lassen könnte. Die Lösung fand sich denn auch darin, daß der Senat das Interesse des Eigentümers zu seinem eigenen machte.

Nach diesen methodischen Vorbemerkungen ist klar, daß Schäfer in seinem zweiten großen Kapitel, das den juristischen Rahmenbedingungen gilt (S. 27 ff.), auch dort seinem Ansatz verhaftet bleibt, wo er die juristischen Quellen nach Sachgebieten durchgeht (S. 48 ff.). Eine eigenständige kritische Erörterung der Rechtsprobleme hatte er richtigerweise auch nicht ins Auge gefaßt. Bei einer solchen Behandlung schleichen sich natürlich auch gerne Mißverständnisse ein[2]. Aus dem juristischen Teil nimmt Schäfer die Unterscheidung mit, daß der procurator omnium rerum von einem Geschäftsherrn, der außerhalb Italiens weilte oder wegen Staatsangelegenheiten abwesend war, seit dem 2. Jhdt. v. Chr. für die Angelegenheiten in Rom und Italien mittels iussum bestellt werden konnte. Ihm soll der Mandatsprokurator gegenüberstehen, der aufgrund eines mandatum tätig wurde. Nicht ganz klar wird, warum dieser procurator omnium rerum mit der actio negotiorum gestorum belangt werden konnte, hingegen für den andern procurator nur die Mandatsklage offengestanden habe, bis im 2. Jh. n. Chr. der Mandatsprokurator im Notfall auch ohne ein diesbezügliches Mandat habe tätig werden können. Hat die actio negotiorum gestorum denn nicht einen eigenen Anwendungsbereich, dessen Voraussetzungen im Einzelfall unabhängig davon geprüft werden mußten, ob der Geschäftsführer gesondert davon vom gleichen Geschäftsherrn für eine bestimmte Angelegenheit ein mandatum

In der genauen Durchsicht der in der außerjuristischen Literatur belegten procuratores, der das dritte große Kapitel gilt, liegt der eigentliche Wert der Arbeit. Für die Quellen aus der Zeit der Republik hält Schäfer die genannte Unterscheidung durch (S. 90 ff.). Er stößt damit auf den Befund, daß die procuratores omnium rerum eher aus einer höheren Gesellschaftsschicht stammen. Oft sind es Ritter, häufig auch Senatoren. Das dürfte freilich unseres Erachtens mehr mit den konkreten Aufgaben zusammenhängen, denn die Interessenwahrung für andere im weitesten Sinne steht im Vordergrund. Wenn das einmal klar ist, könnte ein Gedanke weiterhelfen, der in der modernen Unterscheidung zwischen Geschäftsführung und Vertretung faßbar wird. Diese Senatoren und Ritter kümmerten sich sicher nicht um die Vermögensverwaltung, wie Schäfer richtig bemerkt. Was aber stets möglich und oft von zentraler Bedeutung ist, ist die Vertretung in wichtigen Angelegenheiten. Damit würde sich das vertragen, womit Schäfer häufiger Mühe zu haben scheint, daß öfters davon gesprochen wird, die Geschäfte tamquam procurator zu besorgen (was eben nicht heißen kann „nötigenfalls als procurator", so aber S. 94 ff.) und daß die Konturen des Handelns nicht immer scharf hervortreten (vgl. S. 95 ff., 102 ff., 125 f., 150 ff.). Das ist aber unseres Erachtens von der Frage nach den Rechtsbehelfen zu trennen, mit denen diese Beziehungen im Falle eines Konfliktes bewältigt werden. Nicht erstaunlich ist es, daß solche procuratores in der Mehrzahl auftreten und für verschiedene Auftraggeber tätig werden können[3].

Demgegenüber sind die - in Schäfers Terminologie - Mandatsprokuratoren sozial eher tiefer anzusiedeln als ihre Geschäftsherren (S. 111 ff.), was besonders in den Provinzen der Fall ist. Aufgrund seines Ansatzes fragt Schäfer leider nicht danach, ob nicht seine aprioristische rechtliche Differenzierung des Mandatsprokurators, sondern die jeweilige Aufgabe und das Pflichtenheft dafür bestimmend war. Hier nämlich erscheint der procurator, der auf Dauer für einen Geschäftsherrn tätig wird und diesem daher fest zugeordnet werden kann. Es würde sich dann, wenn man tiefer dringen wollte, die Frage nach dem Verhältnis zum Verband der familia des Geschäftsherrn stellen. Aus dieser Sicht erstaunt es uns nicht, daß wir in solchen Zusammenhängen auch auf die Sklaven stoßen, die ebenfalls für den Geschäftsherrn als ihrem dominus tätig werden (vgl. S. 136 f.). Wenn Schäfer dann feststellt, daß der Typus des procurator omnium rerum in der Kaiserzeit nicht mehr begegnet, wäre die Quellenlage näher zu betrachten gewesen. Für diesen Typ stützt er sich nämlich hauptsächlich auf Cicero - und da vor allem auf die Briefe, nicht zuletzt auf das wohl von Cicero selbst zur Edition vorgesehene 13. Buch ad familiares. Damit sind wir in den Mustern formalisierter Beziehungen im gesellschaftlichen Bereich, die sich nicht ohne weiteres auf rechtliche Schemata reduzieren lassen. Vergleichbares haben wir aus der Kaiserzeit nicht, was bedeutet, daß wir also viel weniger darüber wissen, wie in den führenden Kreisen die für die wirtschaftliche Tätigkeit notwendigen gesellschaftlichen Beziehungen gepflegt wurden. Genau darüber können uns auch die Rechtsquellen keine Auskunft geben, da sie nur am rechtlich relevanten Fall ansetzen. Erst im Bereich rechtlichen Alltags gelangen wir dann wieder auf eine dokumentierte Handlungsebene und wohl zu den Akteuren, die durch die Inschriften gut bezeugt sind (S. 181 ff.).

Mit diesen procuratores sind wir in der Vermögensorganisation, angefangen bei den Landgütern (S. 160 ff.). Die Inschriften zeigen, daß die Zuordnung zur familia tatsächlich als prägend empfunden wurde. Deshalb wird man mit der Fixierung auf einzelne Geschäfte, nach denen Schäfer immer wieder fragt, wohl nicht zum Kern der Sache vorstoßen. Sicher zutreffend ist aber die Einordnung der procuratores in der Hierarchie über den actores und gar den vilici (S. 209 f.). Bemerkenswert ist, daß der Freigelassene der Normalfall ist, so daß man versucht sein könnte, diese Stellung als krönenden Abschluß der Laufbahn eines in der Verwaltung tätigen Sklaven zu sehen. In der Tat hinderte die lex Aelia Sentia die Freilassung eines für diese Position vorgesehenen Sklaven auch dann nicht, wenn er die Altersgrenze noch nicht erreicht hatte (S. 199 f.; Gai. 1,18: Ulp. D. 40.2.13).

Die Zwänge des begrifflichen Schemas, das Schäfer seiner Untersuchung zugrunde gelegt hat, zeigen sich nochmals deutlich bei der Behandlung der Stellung des Atticus, die er als Spezialfall deklariert (S. 215 ff.). Gerade hier wäre Gelegenheit gewesen, jenseits von allen rechtlichen Einordnungen die Souveränität zu verfolgen, mit welcher ein führender Angehöriger seiner Schicht im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Verbindungen zu knüpfen und zu pflegen verstand. Daß Atticus für seine Sache keine Prozesse führte, wissen wir aus Nepos (Att. 6,3); daß er zur Wahrung von Interessen anderer Prozesse führen ließ, können wir daraus erschließen. Deshalb wäre es im Ganzen fruchtbarer gewesen, die Schnittstellen zu finden, die sich in der Literatur der Kaiserzeit und den Belegen in unseren Juristenschriften zu den procuratores ergeben. Das wäre schon deswegen wichtig, weil doch die Auffassung herrschend sein dürfte, daß zunächst die procuratores Freigelassene waren, weswegen sich die rechtliche Ausdifferenzierung der Beziehung zum patronus zunächst erübrigt hatte. Dann aber sei das Verhältnis von der actio negotiorum gestorum geprägt gewesen, bis es schließlich mit Rücksicht auf die unabhängigere Stellung der Freigelassenen und die häufiger werdenden freigeborenen procuratores als mandatum erfaßt worden sei[4].

Aufgrund des von Schäfer erarbeiteten Befundes dominieren aber in der Kaiserzeit gerade die freigelassenen procuratores in den Inschriften. Leider hat Schäfer diese Fragen nicht aufgeworfen. Das ist ebenso bedauerlich wie der Umstand, daß er sein ökonomisches Unternehmens- oder Leitungsmodell nie näher erläutert, was sich bei der Behandlung der institores eher störend bemerkbar macht (S. 81 f.), denn was sich hinter einem „leitenden Mitarbeiter für bestimmte Geschäftsbereiche in Handel und Gewerbe“ verbirgt, wäre doch zu fragen, wenn man sich die eher bescheidenen Verhältnisse der in unseren Juristentexten belegten institores vor Augen hält. Der Eindruck, den das Buch von Schäfer hinterläßt, ist deshalb mindestens für all jene zwiespältig, die seinem rechtlichen Ansatz nichts abzugewinnen vermögen. Positiv zu würdigen ist aber, was nicht vergessen gehen soll, daß wir nun ein neues, sehr nützliches Arbeitsinstrument in die Hand bekommen haben, das zudem durch Register gut erschlossen ist. Für die künftige Beschäftigung mit dem Thema haben wir damit einen zuverlässigen Führer, für den der Rechtshistoriker dankbar ist.

München
Alfons Bürge


[1] Behrends, SZ 88 (1971) S. 215-299; problematisch erscheint vor allem das von Behrends postulierte Gesetz zur Einführung dieses procurator omnium bonorum. Dazu und zur Auslegung von Cic. Caec. 57 (is qui legitime procurator dicitur) vgl. Kaser, SZ 91 (1974) S. 146-204, 190 f. und Burdese, SDHI 37 (1971) S. 307-328, 320 f. legitime kann eben auch heißen, daß es dem Recht entspricht, vgl. Cic. off. 1,13; Liv. 39,16,4 und in einer noch allgemeineren Bedeutung Tac. orat. 32,2. Cic. Caec. 57 stellt nur einen wichtigen Fall eines procurator omnium bonorum in den Vordergrund, ähnlich wie später für die negotiorum gestio Ulp. D. 3.5.1, vgl. Seiler, Der Tatbestand der negotiorum gestio im römischen Recht (1968), S. 47 ff., 105.

[2] So trifft es beispielsweise nicht zu, daß es über die Infamiefolge der actio mandati (directa) „bei den antiken Juristen heftige Meinungsverschiedenheiten“ gab (so S. 50). Wie auch D. Nörr im dort zitierten Aufsatz darlegt, betrafen die Meinungsverschiedenheiten nur die Handhabung der actio mandati im Falle des Mandatsexzesses. Erst seit dem Fund der lex Irnitana stellt sich die Frage der Rechtsfolgen der actio mandati im Munizipalprozeß. Unumstritten war schließlich die Möglichkeit, sich der Infamiefolgen durch Stellung eines cognitor oder procurator zu entziehen.

[3] Sicher verkehrt ist es S. 123, im Fall, daß mehrere Städte einen gemeinsamen procurator bestellen, von einer societas dieser Städte zu sprechen.

[4] Vgl. Kaser, Römisches Privatrecht (19712), Bd. 1, S. 264 ff.; 587; Seiler (Fn. 1), S. 104 ff.