Juristische Fakultät
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Rezension Matteo Marrone (Hg.)

Imprenditorialità e diritto nell’esperienza storica

A cura di Matteo Marrone, Società Italiana di Storia del Diritto, Palermo 1992. 348 S.

in : Savigny-Zeitschrift Rom. Abt. 113 (1996) S. 685 - 687

- Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Böhlau Verlags -

Der Band, der hier mehr angezeigt als rezensiert werden soll, enthält Vorträge, welche die Interdependenzen zwischen Unternehmen oder besser unternehmerischer Tätigkeit und Recht im Lichte historischer Erfahrung behandeln. Besonders hervorgehoben seien die drei Beiträge, die sich der Problematik aus der Perspektive des römischen Rechts nähern. Ferdinando Bona behandelt unter dem Titel ‘Le societates publicanorum e le società questuarie nella tarda Repubblica’ (S.13-62) die Frage der Beziehung zwischen den societates publicanorum und jenen societates, die sich der negotiatio widmeten. Zunächst bietet er einen gedrängten Überblick über die vielfältigen Tätigkeiten der publicani, die in den verschiedensten Bereichen, angefangen bei der Heeresversorgung bis hin zur Einziehung von Steuern, vom Staat Aufgaben und unternehmerische Tätigkeiten in Pacht nahmen. Er beleuchtet den Aufbau dieser Gesellschaften mit ihren magistri und promagistri. Erfreulicherweise erteilt er Erklärungsversuchen, die sich des Modells der modernen Aktiengesellschaft bedienen, eine klare Absage (S.36). Die societas Bithyniae, für die Cicero fam.13,9 ein Empfehlungsschreiben verfaßt hat, sieht er zusammengesetzt aus socii, die nicht nur in Bithynien sondern auch in anderen Gesellschaften und in anderen Provinzen Kleinasiens tätig waren, und betont daher deren durch und durch personalistische Struktur. Das Fehlen einer breiten Behandlung dieser societates durch die spätrepublikanischen Juristen führt er nicht auf ein fehlendes Interesse der letztgenannten zurück, sondern auf das Bedürfnis, Interna von größter wirtschaftlicher Tragweite und einiger Delikatesse nicht vor Gericht öffentlich auszubreiten. Immerhin könnte man gegen diese These einwenden, daß sich gerade aufgrund der skizzierten Struktur überhaupt kein Bedürfnis nach einem feineren dogmatischen Instumentarium eröffnete, und wir nur deshalb enttäuscht werden, weil wir mit unserem modernen Horizont etwas erwarten, was es damals schlicht und einfach nicht gab oder sich in anderen durchaus dokumentierten rechtlichen Beziehungen abspielte. Wie dem auch sei, Bona enthält sich klug aller kühnen Spekulationen, wo er von den damals behandelten juristischen Fragen wie beispielsweise dem Problem der actio pro socio manente societate die Linie zu den societates omnium bonorum zieht. Diese gewöhnlichen Gesellschaften betrachtet er - unter Betonung der Vorliebe der Römer zum Einzelunternehmen - als komplementäres Element im Geflecht der societates publicanorum, die mit ihren familiae, Treu- und Nahbeziehungen und socii die Geschäftstätigkeit in den Provinzen beflügelten.nach oben

Filippo Gallo geht unter dem Titel ‘Negotiatio e mutamenti giuridici nel mondo romano’ (S.133-167) von der modernen Trennung zwischen Zivil- und Handelsrecht aus, aufgrund derer Autoren von Goldschmidt bis noch zu Galgano ein Defizit der römischen Jurisprudenz ableiteten, eine Diagnose, zu der sich zu Beginn unseres Jahrhunderts auch eine Reihe von Romanisten bekannte, genannt sei nur Huvelin. Zu Recht betont Gallo aber den Unterschied von Sonderprivatrecht, wie es sich in der modernen Entwicklung herauskristallisiert hat, und dem römischen Begriff des ius singulare und kommt damit zwangsläufig zu einer unitarischen Sicht auf römische Rechtsinstitute, die dem Handel dienten. Allgemeine Regeln, nicht zuletzt Kriterien wie utilitas oder aequum, waren leitend.

Andrea Di Porto beschäftigt sich unter dem Titel ‘Filius, servus e libertus, strumenti dell’imprenditore romano’ (S.231-260) mit der Frage, wie weit Sklaven und Freigelassene im Dienste unternehmerischer Tätigkeit von freien Römern standen. Er geht aus von den Stempeln von Sklaven auf Amphoren und Ziegelsteinen, bei denen besonders jene interessant sind, die ein Produkt zwei Sklaven verschiedener Herren oder einem servus communis zuweisen oder den Übergang von der Stellung als Sklave zum Freigelassenen dokumentieren. Er schildert die verschiedenen Möglichkeiten der Zuordnung, die sich aufgrund der rechtlichen Organisation ergeben, und entwickelt dann sein Modell des Sklaven als Instrument des Unternehmers, wie er es bereits in seinem großen Werk ‘Impresa collettiva e schiavo ‘manager’’ dargestellt hat. Abgesehen davon, daß man heute wohl keine voreiligen Schlüsse mehr aus dem von Varro rust. 1,17,1 nach akustischen Kriterien gewählten Begriff des instrumentum vocale ziehen soll [1], wird man seinen wirtschaftlichen Folgerungen aus dem rechtlichen Befund noch immer jene Kritik entgegenhalten müssen, die wir seinerzeit formuliert haben [2]. In erster Linie bleibt nach wie vor zu erklären, wie denn diese an den Strukturen moderner Kapitalgesellschaften orientierten Unternehmen die Freilassung gerade des erfolgreichen Unternehmer-Sklaven überstehen konnten. Das wird im vorliegenden Beitrag besonders deutlich, weil Di Porto nun auch die Typen von Unternehmensorganisationen darstellt, die auf der Tätigkeit von Freigelassenen aufbauen [3]. Diese Frage wurde denn auch in der Diskussion prompt von einem Vertreter des geltenden Rechts gestellt (vg. S.299, 302f.); um sie befriedigend zu beantworten, müßte doch der Begriff des Unternehmens geklärt werden, der in der Moderne die Konnotation der Dauer aufweist.

In dieser Zeitschrift dürfen wir uns darauf beschränken, auf andere historisch interessante und substanzreiche Beiträge kurz hinzuweisen. Umberto Santarelli, Società commerciali, credito e mercatura (S.73-88), studiert die Entwicklung des Gesellschaftsrechts in ihrer Verknüpfung mit dem Wucherverbot der Kirche. Vito Piergiovanni, Alle origini delle società mutue (S. 169-185), beschäftigt sich mit der Geschichte der Gesellschaften auf Gegenseitigkeit im Italien des 19. Jahrhunderts und ordnet sie ein in das werdende rechtliche Gefüge des liberalen Staates. In die Gesetzgebungsgeschichte des modernen italienischen Aktienrechts führt als profunder Kenner der Materie Antonio Padoa Schioppa, Leggi e progetti sulle società per azioni in Italia dal 1862 al 1942 (S.261-273). Eine Bemerkung, die nicht nur den meisten historischen Arbeiten zur neueren Rechtsentwicklung, sondern auch der stattlichen Reihe der - hier nicht namentlich aufgeführten - Referate und Beiträge zum modernen Recht gilt, sei aus rechtsvergleichender Perspektive erlaubt: Die heutige, seit über hundert Jahren nördlich der Alpen geführte Debatte um das Unternehmensrecht, namentlich die Bemühungen zur rechtstheoretischen Einordnung des Unternehmens, wird im vorliegenden Band, der fast völlig auf Italien zentriert ist, kaum zur Kenntnis genommen; sie könnte aber sicher einige Anregungen vermitteln. Alle Referate werden ergänzt durch Stellungnahmen, die in der teilweise lebhaften Diskussion abgegeben wurden, und Antonio Guarino faßt das Ganze in gekonnter Manier in einer Synthese zusammen (S.307-316).

Saarbrücken
Alfons Bürge


[1] Mindestens nicht ohne Auseinandersetzung mit W. Hübner, Varros instrumentum vocale im Kontext der antiken Fachwissenschaften, Abh. Mainz 1984.

[2] SZ 105 (1988) 856-865.

[3] Hier vermißt man beispielsweise die Benutzung von Waldstein, Operae libertorum (1986).