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Rezension Jean-Michel David

Jean-Michel David, Le patronat judiciaire au dernier siècle de la République romaine

(= Bibliothèque des Écoles françaises d’Athènes et de Rome, Fasc. 267). École française de Rome 1992. XXI, 952 S.

Savigny-Zeitschrift Rom. Abt. 113 (1996) S. 563-572

- Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Böhlau Verlags -

Die großangelegte Darstellung des Gerichtspatronats im letzten Jahrhundert der römischen Republik, die der heute in Straßburg lehrende Althistoriker Jean-Michel David als Thèse vorgelegt hat, beeindruckt nicht nur durch ihre Materialfülle, sondern fasziniert ebenso durch die sorgfältige Darstellung, indem sie die einzelnen Teile zu einem facettenreichen Gesamtbild fügt, das in dieser Art und Vollständigkeit sicher neu ist. Angesichts der Qualität des Details bietet es sich an, in der Rezension das Werk als Ganzes mehr vorzustellen als kleinlich bei Einzelheiten zu verweilen.

Auf dem sicher beherrschten kommunikationstheoretischen Boden, den Roman Jakobson bereitet hat, führt David zunächst den Schauplatz und dessen Regeln vor, auf welchem sich der Gerichtspatronat zu entfalten begann (S. 3-45). Im Blick auf die iudicia privata orientiert er sich ohne Extravaganzen am gegenwärtigen Stand rechtshistorischer Forschung. Wichtig ist die Akzentsetzung, die Frage nach den Situationen, in welchen der einfache Bürger die Hilfe eines patronus und den Beistand von Außenstehenden brauchte, dort nämlich, wo sich ein Machtgefälle zwischen den Parteien zeigte, das nur ein patronus zugunsten des Schwächeren auszugleichen vermochte. Die causa Curiana wird in diesem Zusammenhang angesprochen, doch richtigerweise vor allem deshalb, weil sich hier die Ausdifferenzierung von Rhetorik und Jurisprudenz zu Beginn des 1. Jahrhunderts manifestiert. Aufgrund seiner Fragestellung muß David bald auf die quaestiones kommen, bei deren Beurteilung er stark den Forschungen Kunkels verpflichtet bleibt. Mit guten Gründen sieht er das Recht der provocatio, die den Weg zum Komitialprozeß eröffnete, auf einen engeren Kreis von Angehörigen der Oberschichten und auf politisch bedeutsame Delikte beschränkt. Die Konsequenz ist klar: Unter dieser Schwelle funktionierte noch die Koerzitionsgewalt der triumviri capitales sowie der Hausgerichte. Ebenso deutlich ist die andere Folge, daß nämlich ein solches Verfahren, wie es eine provocatio ad populum voraussetzt, nur funktionierte, wenn der Angeklagte auf Personen zählen konnte, welche auf den Magistraten den notwendigen Druck zur provocatio auszuüben vermochten. Der wichtigste Ort zur Entwicklung der Redekunst aber wurden die quaestiones perpetuae. Durch ihre Ausbreitung und ihre wichtige Stellung im Schnittpunkt von Prozeß und Politik boten sie das ideale Feld zur Entfaltung des Gerichtspatronats und mit ihm der Redekunst, die hier am Puls des politischen Lebens wirkten.

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Bei der Analyse der Beziehung zwischen patronus und Klient (S. 49-119) zeigt sich die Wichtigkeit des Elementes der fides als deren sicherer Bestandteil. Sie strukturierte das Verhältnis, das sich in verschiedenen - von David auch terminologisch fein differenzierten - vertragsähnlichen Bindungen zeigte, von der innenpolitischen deditio in fidem bis hin zu den nüchternen Formen der Verpflichtung im täglichen Umgang auf dem Forum, in denen das Machtgefüge zwischen patronus und Klient sich manifestierte und auch austariert wurde (S. 67 ff.). Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Zugänglichkeit des patronus, die als Element der Politik bei den populares faßbar wird. Die fides verpflichtete - das drückt der Begriff der diligentia aus, mit dem sie sich verbindet (S. 83 ff.) - , sich mit der höchsten gebotenen Sorgfalt der Sache zu widmen. Gestik und Symbolik nahmen dieses Verhältnis auf, das sich am Modell des archaischen Patronats orientierte, sich aber den Anforderungen des damaligen Alltages anzupassen wußte. Interessant ist die Untersuchung der Sanktion eines Verstoßes gegen die fides, denn hier tut sich eine Unterscheidung auf, die an vielen Stellen essentiell wird, nämlich die zwischen der ein geringeres Ansehen vermittelnden Rolle eines Anklägers und der eines patronus, der seinen Klienten verteidigte (S. 98 ff.). Während der erste dem Gemeinwesen gegenüber gebunden war und sich bei Verstoß gegen seine Pflichten je nachdem den crimina der calumnia, der praevaricatio oder der tergiversatio mit den ihnen eigenen Sanktionen - in erster Linie der nota ignominiae - aussetzte, fehlte ein entsprechendes normatives Gegenstück für die Bindung des patronus an den Klienten. Als Sanktion für die Illoyalität eines patronus genügte der Verlust der fides; sie war hart und effizient, da sie sich im gesellschaftlichen Ansehen des fehlbaren patronus unmittelbar auswirkte.

Umgekehrt läßt das Weiterbestehen der von der fides getragenen Bindung nach beendigtem Prozeß die Frage nach der Logik der Erkenntlichkeit durch Geschenke aufwerfen (S. 121-169). Was David zuvor schon deutlich gemacht hat, daß sich der Gerichtspatron des 1. Jahrhunderts auf der Folie des archaischen patronus bewegen sah, wird eindrücklich bei der Behandlung des Entgeltes faßbar. Liefen gegen Ende des 3. Jahrhunderts die langfristig angelegten Patronatsbeziehungen Gefahr, zugunsten kurzfristiger Umsatzgeschäfte aufgegeben zu werden, indem der patronus schlicht und einfach gekauft wurde, so hielt die lex Cincia de donis et muneribus von 204 diese Entwicklung auf. Sie trug dazu bei, das alte Verhältnis den neuen Bedürfnissen anzupassen und verhinderte damit griechische Zustände. Erst mit der Abnahme der politischen Bedeutung der Prozesse zeigt sich unter Augustus durch die Anerkennung der Möglichkeit für den Redner, ein Honorar zu empfangen, ein Weg, der politisch bedeutungsloser gewordenen Rolle des patronus Rechnung zu tragen, die jetzt mehr zu kurzfristigen Mandaten tendiert, und das alte Ideal zu modifizieren (S. 135). Allerdings würden wir auch für den Prinzipat noch stets die Unentgeltlichkeit als allgemeine Regel sehen, denn noch Senecas De beneficiis läßt sich als Anleitung zum Umgang mit diesem Ethos lesen (vgl. etwa benef. 5, 8, 2; 17, 4), und da wie dort bleibt der Begriff der gratia leitend.

Für die späte Republik jedenfalls blieb das Verständnis des Verhältnisses zum Gerichtspatron als langdauernde Beziehung entscheidend, in deren Verlauf auch mehrere Verteidigungen möglich waren; eine Vertrauensbasis, die uns erklärt, warum es funktionierte, das Entgelt erst auf dem Weg der Zuwendung eines Vermächtnisses zu erbringen. David führt uns dann die fein abgestuften Bindungen in ihrer Wechselseitigkeit vor und zeigt, welche Bedeutung sie in anderen Zusammenhängen im gesellschaftlichen und politischen Kontext entfalten konnten, beispielsweise in Wahlkämpfen oder in anderen Prozessen. Das Gegenbild ist die Möglichkeit des Klientenverrates, der allgemein geächtet war. Wenn auch normalerweise eine Person von prätorischem Rang nie als cliens erscheint, kann in der pathetischen Übersteigerung, beispielsweise zwischen Cicero und Vatinius oder zwischen Hortensius und Pompeius, die alte Konzeption des patronus mit dem Ausdruck cliens evoziert werden. Es versteht sich fast von selbst, daß die Pflege solcher notwendigerweise auf Dauer angelegter wechselseitiger Beziehungen und der Umgang in diesem ganzen Geflecht, das zusammengesehen werden muß mit den familiären Verpflichtungen und der Eingebundenheit in politische Faktionen und Gruppierungen, höchste Sorgfalt erheischte.

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Die Ausweitung der Beziehung zwischen patronus und cliens auf das ganze Geflecht studiert David im folgenden, wenn er die Struktur der Solidarität untersucht, die er als konzentrische Kreise erfaßt (S. 171-226). Im Mittelpunkt steht die eigene Person. Auf den ersten Blick könnte es überraschen, daß David hier von den Pflichten des Gerichtspatrons zur inimicitia ausgeht, welche ebenfalls ein wechselseitiges Verhältnis begründet. Doch zeigt sich der Entschluß zur inimicitia am deutlichsten am Anfang einer Karriere, wenn sich einer der pietas beugt und beispielsweise mit einer Anklage seinen Vater rächt, und dort, wo es sich um die Auseinandersetzung unter Mitbewerbern handelt, bei Klagen de ambitu also. Immer geht es um die dignitas (S. 174), einen der römischen Wertbegriffe, die in diesem Buch feste, praktische Konturen annehmen.

Verfolgen wir die Kreise weiter, müssen wir angesichts so vielfältiger Abhängigkeiten bei der Frage, für wen ein Gerichtsredner tätig werden mußte, zwangsläufig auf Koordinierungsprobleme stoßen, die nur mit einer Rangordnung bewältigt werden konnten. An erster Stelle finden sich hier die agnatischen Beziehungen bis hin zu den Cousins; interessant ist der Hinweis, wie versucht wurde, Söhne von Gegnern, die als potentielle Gegner gefährlich werden konnten, in das Netz der von der amicitia getragenen Beziehungen einzubinden (S. 189 f.). Unter dem Begriff domus erweitert sich der Kreis, die propinqui lassen sich in die Blutsverwandten (cognati) und die Anverwandten (adfines) differenzieren. Damit wird das Spiel komplizierter, vollends wenn die unter dem Zeichen der amicitia stehenden Bindungen unter den familiares berücksichtigt werden, die ein Verhältnis der necessitudo begründen. Es zeigt sich, wie wichtig es daher für einen römischen Aristokraten ist, sich aktiv um die Pflege dieser Beziehungen zu kümmern. Dankbar ist man für die tabellarische Zusammenstellung der Motive, aufgrund derer einerseits Cicero und andererseits die übrigen Redner aktiv wurden (S. 212-226).

War schon in diesem Rahmen die Koordinierung verzwickt genug, so wurde der patronus dadurch noch mehr gefordert, daß er, wenn er sich für eine Gruppe vor Gericht einsetzte und sich dabei einem anderen versagen mußte, sich nicht nur diesen zum Feind machte, sondern eine ganze Gruppe oder besser ein ganzes Netz von Beziehungen gegen sich aufbrachte. Existierten bereits auf der fides gegründete Verpflichtungen, so stand die fides des Redners selbst auf dem Spiel. David faßt deshalb das ganze Beziehungsgeflecht der Aristokratie ins Auge (S. 227-275) und untersucht, welchen Einflüssen der Redner denn ausgesetzt war, wie er sich ihnen allenfalls entziehen und wie er sie für seine eigenen Ziele einsetzen konnte; angefangen beim Aufbau eines eigenen für eine politischen Karriere tauglichen Netzes, wie es beispielsweise Cicero mit seiner Verteidigung von Sextus Roscius gelungen war, bis hin zur Bewerbung um ein Amt. Schließlich hing das Gewicht des Gerichtspatrons auch davon ab, wieviel Einfluß er selber auf andere nehmen konnte, um diese zu verpflichten, für seine Schützlinge tätig zu werden. Ein eindrücklicher Blick in die Machtstrukturen eröffnet sich, wenn wir beobachten, wie Richter, ja die ganze Geschworenenbank einer Seite verfügbar gemacht und wie Einschüchterung und Gewalt als Mittel zum Zweck eingesetzt wurden. Wem es gelang, seine Machtinstrumente in allen Beziehungen zu organisieren und gleichsam im Hause zusammenzuhalten, konnte wirklich auf Dauer und nachhaltig der Gemeinschaft seinen Willen aufzwingen. Zu diesem Netz gehörte auch die Meute, ‘die Hunde’, welche bereit waren, auf ihrem sozialen Aufstieg den Mächtigeren die undankbare Rolle des Anklägers abzunehmen. Das allein genügte nicht; geschickt lenkt David die Untersuchung auf das - im Sinne von Max Weber verstandene - Charisma, das den erfolgreichen Gerichtsredner auszeichnete.

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Unter dem Stichwort des Konfliktes von Charismen wendet sich David der Frage zu, ob einer Karriere als Gerichtsredner gegenüber anderen aristokratischen Lebensweisen eine Autonomie zukam, und wie sie sich zu anderen Aktivitäten im politischen Kontext der civitas verhielt. David skizziert zunächst, wie eine Laufbahn als Gerichtsredner für die Angehörigen munizipaler Eliten eine oder gar die einzige Möglichkeit war, sich in Rom jenes soziale Ansehen zu holen, das für eine politische Karriere unabdingbar war (S. 281-320). Das damit verbundene Eindringen der italischen Eliten in die Stadt Rom führte zu Verwerfungen; Gewichtsverschiebungen in den traditionellen politischen Kräften eröffneten zudem den Neuankömmlingen die Chance, sich in den häufiger werdenden iudicia publica politische Geltung zu erwerben. Durch die nun jedem Bürger offenstehende Möglichkeit, als Ankläger vor den quaestiones perpetuae gegen mächtige Senatoren aufzutreten, konnten sich auch Latiner das nötige Ansehen holen, ohne sich den Mühsalen einer munizipalen Karriere auszusetzen. Die Zahl solcher Anklagen stieg sprunghaft an (vgl. die aufschlußreichen Tabellen S. 311-320) und zwar gleichzeitig mit der Verschärfung des Konfliktes zwischen Senatsaristokratie und Rittern, der sich mit der Einsitznahme der letzteren in den Geschworenengerichten artikulierte.

Eine Leitfigur, die sich die Kombattivität dieser munizipalen Eliten zunutze machte, war Marius. Das Paradigma oder der Rednertypus, des bonus vir (er selbst hatte noch vom vir bonus gesprochen, vgl. S. 345) war aber der alte Cato mit seiner unermüdlichen Bereitschaft zur Anklage und seiner Fähigkeit, das archaische Ideal des patronus in seiner Zeit neu zu begründen. In diesen Zusammenhang stellt David das Verbot der Rhetorenschulen in Rom vom Jahre 92 v. Chr. als Abwehrmaßnahme der Senatsaristokratie, in deren Gefolge es Licinius Crassus gelang, auch auf dem Gebiet der Rhetorik selbst die Abwehr zu organisieren und den monopolisierenden Druck der munizipalen Eliten zu brechen; mit Erfolg, denn diese waren nun gezwungen, sich in einem langsameren Prozedere in das soziale Gefüge der Stadt zu integrieren und sich das rednerische Ethos der Senatsaristokratie zu eigen zu machen.

Damit lenkt David seine Untersuchung auf die Ausbildung der Redner und die Art und Weise, wie die jungen Aristokraten die ihnen durch die Herkunft zustehende Autorität erwarben (S. 321-366). Das Hineinwachsen in die Familientradition unter dem Zeichen des mos maiorum war entscheidend; in der Zuspitzung exemplarisch steht dafür wiederum der alte Cato, der die Ausbildung seines Sohnes selber in die Hand nahm. Zwar büßte dieses Modell, das immerhin die Angehörigen der römischen Aristokratie schon im Umgang mit Sprache und Aussprache von ihren munizipalen Konkurrenten abhob, an Exklusivität ein, doch macht David zu Recht auf einen Bereich aufmerksam, wo es noch spielte, indem er auf die Vermittlung der Jurisprudenz verweist, die nicht nur - dort freilich am eindrücklichsten - bei den Scaevolae noch die fast intimen Züge der Weitergabe im Schoße der Tradition einer Familie zeigt. Die Bindung an einen väterlichen Lehrer oder ein solches Vorbild blieb essentiell. Mit diesem Verhaltensmodell mußte freilich die sich in Rom etablierende griechische Bildung kollidieren, bis sich die bekannten Lösungen fanden, diese auch personell in den römischen Weg der Ausbildung mit ihrer starken persönlichen Komponente zu integrieren, indem man hervorragende Lehrer an sich zog. Dennoch fallen die gewichtigen Unterschiede zwischen den attischen Logographen und den römischen patroni ins Auge: Während erstere für andere die Texte schrieben, trug bei den Römern der Redner selbst, der als patronus die Autorität über domus und Klientel ausübte, zugleich die Verantwortung für das Wort. Erst Cicero gelang es, das philosophisch geprägte griechische Ideal mit dem römischen wirklich zu verbinden und zu einem wirksamen Modell zu verschweißen (S. 367-399).

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Cicero, der in einem Klima der wachsenden Bedeutung und Formierung der lateinischen Rhetorik aufwuchs, eignete sich die neue Bildung an und bemühte sich um die philosophischen Kenntnisse; für die erfolgreiche Laufbahn als patronus blieb dies vorerst jedoch nur Instrument. Zunächst kaum wahrnehmbar werden ihm aber nach seinen politischen Niederlagen die mangelnde prägende Familientradition in der Ausbildung und die munizipale Herkunft zu einer eigentlichen Hypothek. Das Fehlen des militärischen Charisma, das er jetzt empfinden muß, überspielt er mit dem Modell von einem idealen Redner, das er in De oratore präsentiert. Die Redekunst selbst wird hervorragendes Mittel, Welt und Menschen zu begreifen; ihr soll sich sogar die Jurisprudenz unterordnen. Schwierigkeiten bekommt Cicero freilich, wenn er sie hinsichtlich des Charisma mit den militärischen Erfolgen seiner Rivalen in Konkurrenz treten lassen will.

Jedenfalls entwickelt Cicero die Rhetorik zu einem Erkenntnisinstrument, das über die früheren, am mos maiorum orientierten Sammlungen von exempla hinausweist. Zur politischen und ethischen Autorität gesellen sich nun rhetorische und philosophische Kompetenz, die das neue Modell vollenden. Damit löst sich der Gerichtspatronat ab vom früheren Streben, sich ein mit Hilfe von gratia geknüpftes Netz von Beziehungen dienstbar zu machen. Das Verhalten als Redner gewinnt eine eigene Qualität, die sich an der in der staatlichen Gemeinschaft vorhandenen Wertordnung messen lassen muß. Sicher öffnet hier David einen neuen Zugang zu den rhetorischen Schriften Ciceros; freilich meine ich, daß bei Cicero dieser Prozeß schon in den frühen Reden beginnt, die - mit dem skizzierten Verständnis von Philosophie und Rhetorik gelesen - sehr vieles antizipieren, was Cicero später durchgängig formuliert. Wichtig ist auf jeden Fall, daß Cicero mit seinem Modell schulenbildend gewirkt hat, wie auch die nützlichen Übersichten der tirones und der Bewunderer Ciceros belegen (S. 397-399).

Für den Rechtshistoriker äußerst reizvoll ist die sich daran anschließende Untersuchung, wie dieses neue Modell funktioniert, wie nun der Gerichtsredner auftritt und an welchen Kriterien er sich messen lassen muß, denn David setzt dafür an der alltäglichen Ebene der iudicia privata an (S. 407-461). Indem er den (auf Kunstdrucktafeln dokumentierten) ikonographischen Befund überprüft, hält er zunächst fest, daß die Beteiligten beim Verfahren de plano horizontal, beim Verfahren vor dem tribunal vertikal ausgerichtet waren; bei letzterem nämlich war es der auf dem erhöhten Amtssitz thronende Magistrat, an den sich die Beteiligten auch in ihrem Gestus wandten. Schon die vorgegebenen knappen räumlichen Verhältnisse geboten eine bestimmte Art der schnörkellosen Darstellung; wer als patronus seine dignitas und gravitas zur Geltung bringen wollte, wählte die dazu passende Gestik, nämlich den leicht erhobenen rechten Arm und in allem eine wohlabgemessene Unaufgeregtheit. Es gelingt David, die Rollen der Beteiligten fein zu differenzieren: Da sind neben den Parteien einmal die Zeugen, wo zu Recht auch deren Stellung als Zeugen des Verfahrens betont wird (S. 423), und - ihnen in Stellung und Habitus sehr nahe - die advocati, also alle aus Verwandtschaft, Nachbarschaft und dem Freundeskreis aufgebotenen Personen, welche einer Partei mit ihrem Ansehen Unterstützung gewährten. Immer und gerade bei den Zeugen ging es auch um gesellschaftlichen Rang und Glaubwürdigkeit, zu welchem auch teilnehmende iurisperiti beitragen konnten.

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Eines aber wird mit aller Deutlichkeit klar: Für einen patronus war es wichtig, seine auctoritas bereits mitzubringen, mit der er sich von den andern abhob; anders wäre wenig Erfolg zu erzielen gewesen. Ein ererbter Rang verpflichtete dessen Träger zu solcher Patronatstätigkeit, gleichgültig ob dieser beispielsweise als Jurist eine politische Karriere anstrebte oder nicht; die Aktivität als patronus wiederum ließ den einmal erworbenen Rang bestätigen. Damit trägt David auf überzeugende Weise zur Lösung des lang diskutierten Konfliktes zwischen Rhetorik und Jurisprudenz bei, der in dieser Weise offenbar nicht existiert hatte. Denn weder genetisch noch soziologisch läßt sich im Bereich der iudicia privata ein Bruch zwischen Juristen und Rednern beobachten (vgl. 437 f. mit Fn. 93 und die Tabellen S. 453-457): Beide sind in gleichem Maße als patroni präsent und der gleichen Ästhetik der Legitimität verpflichtet, die in der elegantia, der urbanitas und der ganzen Überlegenheit der auctoritas zum Ausdruck kommt. Als Mittel, um in der Politik an die entscheidenden Machthebel zu gelangen, boten die iudicia privata aber dem Redner wie auch dem Juristen zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten. Für dieses Spiel mußte sich der Aufstiegswillige auf die Ebene der iudicia publica begeben.

Mit den iudicia publica gelangt David in das Herz der politischen Auseinandersetzung (S. 463-495). Hier, wo es für die erste Riege der Senatoren um das politische Überleben ging, bot sich dem Redner die Gelegenheit, seine Kunst und sein besonderes Charisma zu entfalten. Zunächst versucht David auch hier, die örtlichen Gegebenheiten zu bestimmen und stellt fest, daß sich da der Redner wegen der Anordnung der Geschworenenbank an einer horizontalen Ausrichtung zu orientieren hatte. Das Publikum, das in einem gewissen Sinn für das Volk stand, spielte eine entscheidende Rolle und funktionierte als eine Art kollektives Gedächtnis der Stadt, für welche der Ausgang des Prozesses direkte politische Auswirkungen hatte. Im Inneren des vom Publikum auf der einen und dem Gericht auf der anderen Seite gebildeten Kreises fanden sich die Redner, ihre Klienten sowie die advocati und die Zeugen ein, die so klar einer der beiden sich gegenüberstehenden Parteien zugeordnet waren. Schon im prozessionsartigen Zuge, in dem man sich zum Ort des Verfahrens begab, manifestierte sich die Unterstützung durch die den Parteien Nahestehenden auch physisch. Wenn dann der Redner zu sprechen begann, stand er wie vor einer regulären Volksversammlung, und tatsächlich wurde von ihm genau das Gewicht verlangt, das dort ein Redner haben mußte. Angesichts dieser Ansprüche gewann das Auftreten in den iudicia privata propädeutischen Charakter; gefordert wurden für die iudicia publica die gleichen Eigenschaften wie für das hohe politische Amt, nämlich die Qualität als patronus. Wer hier auftrat wurde nicht patronus, sondern war es bereits. Der Redner mußte nun versuchen, dieser Rolle gerecht zu werden und als Persönlichkeit sein Verhalten danach auszurichten.

Eine der Rollen war notwendigerweise die in mancher Hinsicht zwiespältige des Anklägers, der David zu Recht großen Raum widmet (S. 497-598). Schon das Erfordernis der postulatio, die Prüfung, ob ein Ankläger die erforderlichen Fähigkeiten besitzt, und die divinatio, das Verfahren der Auswahl unter mehreren Anklägern, schlossen es praktisch aus, daß ein einzelner ohne breite Unterstützung antrat. Wurde er zugelassen, konnte er sich ähnlich benehmen wie ein Magistrat, was auch sein äußeres Erscheinungsbild bestimmte. Interessant ist Davids Versuch, den Einfluß der praemia auf das Ansehen als Ankläger zu bestimmen (S. 508 ff.), deren Logik sich in einer Erhöhung des Rangs des erfolgreichen Anklägers ausdrückte und die sich andererseits nach dem Vermögen und dem Rang des unterlegenen Angeklagten bemaßen, welche dem siegreichen Ankläger zufielen - zweifellos einer der Gründe, warum die Söhne sich für ihre unterlegenen Väter zu rächen suchten. Erhöhung und Degradierung hielten sich die Waage, was zum ambivalenten Verhältnis den praemia gegenüber beitrug, über die deshalb gerne der Mantel des Schweigens gebreitet wurde (vgl. die Tabelle S. 570 f.). Abgesehen von den praemia waren die Motive, als Ankläger aufzutreten, begrenzt: Rache, Wahrung der Interessen von Provinzialen und schließlich die Anklage rei publicae causa.

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In einer eigentlichen Radiographie der Ankläger gelingt es David zu zeigen, daß diese Rolle sehr viel offener war für die Chance eines sozialen Aufstiegs als eine Aktivität in den iudicia privata. Während noch die zu Beginn des 2. Jahrhunderts geborenen Redner in höchst angesehenen Stellungen als Ankläger auftraten, verschiebt sich dieses Bild aufgrund der erwähnten Veränderung der normativen Grundlagen radikal. Die Anklägerrolle wurde im Gefolge der inneren Auseinandersetzungen im Zuge der gracchischen Reformen zu einem Sprungbrett für den sozialen Aufstieg und den Eintritt in den Senat, was auch ihr Bild entscheidend prägte. Erst nach den gesetzgeberischen Eingriffen im Gefolge der sullanischen Restauration trat diese Rolle stark zurück. Es waren junge Angehörige senatorischer Familien, die so teils ihre Karriere zu fördern suchten, teils sich ihre Bekanntheit erkämpfen mußten, und die deshalb eine Gelegenheit suchten, sich in die Reihe ihrer Vorfahren einzuordnen, und die in dieser Rolle ihr rednerisches Charisma unter Beweis stellen konnten, das ihren Rang bestätigte oder erhöhte. So etwa präsentiert sich das von Cicero vertretene Modell, für das die errungene Prätur eine Grenze bildete, nach der sich ein solches Auftreten in der Regel verbot.

Erst durch die im Ausgang der Republik zu beobachtende Machtkonzentration wird die Anklägerrolle wiederum häufiger von den gleichen Personen wahrgenommen, doch sind es nun Personen bescheideneren Ranges, die im Dienste von mächtigen Senatoren als ‘junge Hunde’ zubeißen, womit sich die Verlagerung der Macht in einzelne wenige Hände manifestiert. Die negativen Züge, die der Anklage im ciceronianischen Modell anhaften und die man auch mit dem Wort popularis erfassen kann, standen dem Schema eines patronus entgegen, und der Redner mußte in dieser Rolle deshalb alles daran setzen, ein seiner Persönlichkeit und seiner Art entsprechendes Bild von sich zu vermitteln. Wir beobachten dies etwa bei Cicero, wenn er im Prozeß gegen Verres seine Stellung als Ankläger in eine als Verteidiger der Sizilianer umdeutet.

Die Verteidigung, nicht die Rolle als Ankläger, war es schließlich, die dem Bild des patronus so vollkommen entsprach und seinen Ruhm ausmachte. An diesem Punkt laufen auch folgerichtig die Fäden dieses Buches zusammen (S. 591 654). Der soziologische Befund, den David beschreibt (vgl. auch die Tafeln S. 642 ff.), verhält sich bezüglich der Verteidigung genau gegenläufig zur Anklage. Die Zahl derer, die als Verteidiger tätig werden, ist weitaus geringer als die der Ankläger, die meisten stammten bereits aus dem Senatsadel, zudem wurde diese Aufgabe regelmäßig erst nach innegehabt Prätur übernommen und üblicherweise für eine sozial tiefer stehende Person ausgeübt. Im weiteren ist die erstaunliche Stabilität dieses Befundes über zwei Jahrhunderte hervorzuheben. Es wird dann klar, daß der Redner in solchen Situationen auf der Grundlage seines bereits errungenen Status und mit Hilfe seines rhetorischen Charismas seiner Person einen außergewöhnlichen Zuwachs an Prestige und an auctoritas verschaffen konnte, die ihm einen eigenen Rang verlieh. Die Häufung von Mandaten war die zwangsläufige Folge, die der Gerichtspatronus, soweit es sich um weniger bedeutende Aufgaben handelte, an jüngere Redner abgab und damit das reicher werdende Netz von Beziehungen und Abhängigkeiten noch weiterknüpfte.

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Die Redekunst allein war also keine hinreichende Voraussetzung für die Stellung als Gerichtspatron, sondern sie mußte auf ein schon im Status begründetes Fundament aufbauen. Wem andererseits die rednerischen Qualitäten nicht zur Verfügung standen und wer deshalb auch Niederlagen in der Verteidigung zu riskieren hatte, wie beispielsweise Pompeius, tat gut daran, die Hände davon zu lassen. Es handelte sich nun für den Redner darum, den Stil der Rede und der gesamten Inszenierung, wenn wir so wollen, mit seinem errungenen Erscheinungsbild und der erworbenen dignitas in Übereinstimmung zu bringen, eine Aufgabe, die noch schwieriger zu meistern war, wenn - wie später immer häufiger - viele Verteidiger zusammenwirkten. Sie forderte aber auch dort, wo der Redner in der miseratio selbst seinen eigenen Rang in die Waagschale warf, in der Inszenierung eine Selbstverleugnung oder Selbstdegradierung, die nicht alle patroni zu geben bereit waren. Damit wird eine wichtige Spannung angesprochen, die in einzelnen Redeteilen zwischen auctoritas und rednerischem Gestus auftreten mußte, wenn die Affirmation des Status zur Erreichung des Zieles nicht genügte. Inszenierung, die wir uns am Ende der Republik nicht reich genug vorstellen dürfen, ist ein anderes Stichwort: Hier fand der patronus seinen Platz. Wo mehrere mitwirkten, mußte sich jedoch im Falle des Erfolges die Frage stellen, wem der errungene Sieg mit all seinen tiefgreifenden Auswirkungen auf die Abhängigkeitsbeziehungen zukam. Wenigstens trug eine solche Konstellation in den heiklen Fällen, in welchen ein sozial Tieferstehender einen Höhergestellten zu verteidigen hatte, dazu bei, das Dilemma des schiefen Abhängigkeitsverhältnisses zu entschärfen. Sonst half da nur das rednerische Charisma, das in einem solchen Fall mit dem vorhandenen rednerischen Prestige den höheren Status antizipieren ließ.

Wir wollen hier mit dem Bericht innehalten und nur noch kurz darauf hinweisen, daß die äußerst nützlichen prosopographischen Hinweise reiches Material zu den im Werk behandelten patroni enthalten (S. 665-902). Sie machen nochmals deutlich, auf welch minutiösen und soliden Recherchen im Detail David sein Werk aufbaut. Im Gang der eigentlichen Untersuchung aber wird man der Materialfülle kaum gewahr, weil sie nie zum Selbstzweck wird, sondern sich der souveränen - und elegant geschriebenen - Darstellung unterordnet. Damit haben wir eine der größten Qualitäten angesprochen, die sich jedoch nicht in diesem Punkt erschöpfen. Besonders zu würdigen ist der gelungene Versuch, über ein reiches Geflecht von Fragestellungen ein ganzes Panorama des Gerichtspatronats zu entwerfen, das in sich um so schlüssiger ist, als es in vielen Punkten Probleme der Forschung zwar offenlegt, es aber nie im Detail Stimmigkeit erzwingen will. Der geschlossene Eindruck kommt vielmehr vom Mut zu den großen Bögen und Querverbindungen.

Ein nächster Punkt ist für die Forschung vielleicht noch wichtiger: Bis heute fehlte eine überzeugende Darstellung der römischen Redekunst in der Republik und insbesondere auch der Kunst Ciceros. Zudem standen die rhetorischen Werke eher zusammenhangslos neben den Reden und Redenfragmenten. Hier nun finden sich die Elemente zusammengefügt, Reden und theoretische rhetorische Reflexion werden aufeinander bezogen und erwachen damit zu neuem Leben. Bemerkungen der römischen Schriftsteller zum Stil der Redner (vgl. noch S. 461, 585-587, 651-654) werden in ihrem Gehalt und den praktischen Auswirkungen greifbar. Der kommunikationstheoretische Ansatz trägt gleichzeitig dazu bei, den soziologischen Gehalt der rhetorischen Schriften zu bergen. Eine neue Sicht auf das gesellschaftliche und politische Gefüge Roms des letzten - und über weite Strecken auch des zweitletzten - Jahrhunderts der römischen Republik wird so frei, die endlich wieder die - von seinen Zeitgenossen durchaus als solche erfaßte - Bedeutung Ciceros erfahren läßt.

Für den Rechtshistoriker sind nicht nur diese Einsichten in die Gesellschaftsstruktur von höchstem Interesse; die neue Perspektive, welche die Autonomie der Redekunst herausarbeitet, macht den Weg frei, abseits von den alten Schemata und Topoi die Autonomie der Jurisprudenz neu zu entdecken und - von vielen anderen Aspekten, die bei diesem Überblick kaum angesprochen werden konnten, einmal abgesehen - nebenbei noch eine, durch entsprechende Register bestens erschlossene Fülle von Informationen zu Verfahrensarten und zu einzelnen Prozessen zu sammeln. Kurz, ein außerordentliches, in vielem gar geniales Werk bietet sich hier dem Rechtshistoriker als unentbehrlicher Begleiter an.

 

Saarbrücken
Alfons Bürge