Juristische Fakultät
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Dieter Nörr (20.2.1931-3.10.2017)

Dieter_Noerr

 

Am 3. Oktober 2017 ist Dieter Nörr nach langer Krankheit verstorben. Mit ihm verliert die deutsche und internationale Wissenschaft vom Römischen Recht und der Antiken Rechtsgeschichte einen ihrer Protagonisten.


Nörr war von 1970 bis 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Römisches Recht und Bürgerliches Recht an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Damit war er dem Leopold-Wenger-Institut für Rechtsgeschichte, Abteilung A für Antike Rechtsgeschichte und Papyrusforschung zugehörig, in dessen Forschungstradition er stand und das er entscheidend prägte.


1954 wurde er mit Studien zum Strafrecht im Kodex Hammurabi in München zum Dr. jur. promoviert. Referenten der Arbeit waren Mariano San Nicolò und Murad Ferid.


Die Habilitation erfolgte 1959 wiederum in München unter der Betreuung von Wolfgang Kunkel. Die Habilitationsschrift hatte die Fahrlässigkeit im byzantinischen Vertragsrecht zum Gegenstand (publ. 1960), der Habilitationsvortrag den Ersatz des immateriellen Schadens nach geltendem Recht (publ. AcP 158 [1959] 1-15).


Ab 1960 war Nörr (als Nachfolger Max Kasers) Lehrstuhlinhaber an der Universität Münster. Nach Ablehnung mehrerer Rufe kehrte er 1970 als Nachfolger seines Lehrers Wolfgang Kunkel nach München zurück.


Nörr war ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, korrespondierendes Mitglied der Nordrhein-Westfälischen, der Heidelberger und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, sowie der Accademia Nazionale dei Lincei. Er war Ehrendoktor der Universitäten Amsterdam, Fukuoka/Kyushu (Japan) und Paris II Panthéon-Assas.


Nörr verfasste einflussreiche Arbeiten zur Rechtsstellung der Städte im römischen Reich (Imperium und Polis, 1966/1969), zur Rechtskritik in der römischen Antike (1974), zum römischen Völkerrecht (Aspekte des römischen Völkerrechts. Die Bronzetafel von Alcántara, 1989; Die Fides im römischen Völkerrecht, 1991) und zum gesamten Spektrum der römischen Rechtsliteratur, des römischen Privat- und Prozessrechts (Eine unbekannte Konstitution Kaiser Julians (c. Iuliani de postulando), 1963 (mit B. Bischoff); Die Entstehung der longi temporis praescriptio, 1969; Divisio und partitio, 1972; Causa mortis, 1986; Römisches Recht: Geschichte und Geschichten. Der Fall Arescusa et alii (Dig. 19,1,43 sq.), 2005). Sein besonderes Augenmerk galt der Mentalitätsgeschichte, soziologischen Aspekten, den literarischen, inschriftlichen und papyrologischen Quellen, sowie der Ideenwelt Savignys (Savignys philosophische Lehrjahre, 1994). Neben den genannten Monographien umfasst sein Werk über zweihundert Aufsätze und Rezensionen, vor allem in der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte (Romanistische Abteilung), deren Mitherausgeber er von 1972 bis 2001 war.


Über Jahrzehnte und noch lange nach seiner Emeritierung führte Nörr Studierende in den Seminaren des Leopold-Wenger-Instituts an die antiken Quellen heran. Er vermittelte ihnen methodische Präzision, juristischen Scharfsinn und Zurückhaltung mit der Bildung großer Thesen. Er förderte und bereicherte die Studierenden, seine Doktoranden und Habilitanden, internationale Stipendiaten und nicht zuletzt seine Kollegen fachlich und menschlich in einzigartiger Weise.


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Ein Schriftenverzeichnis Dieter Nörrs der Jahre 1954 bis 2002 findet sich in:

Dieter Nörr, Historiae iuris antiqui. Gesammelte Schriften III, hg. von T. J. Chiusi/W. Kaiser/H.-D. Spengler, Goldbach 2003, S. 2369–2387.

Ein Schriftenverzeichnis 1954 bis 2011 findet sich in:

Dieter Nörr, Schriften 2001–2010, hg. von T. J. Chiusi/H.-D. Spengler, Madrid u.a. 2012, S. 867–885.

Danach erschienen (ohne Kurzanzeigen in ZRG RA):

2012

Der Kaiser und sein Interpret. MAMA IX p. XXXVI sq.: Dossier über den ager Aezanensis Iovi dicatus, ZRG RA 129 (2012) 315–363.

Verwerfungen im Recht der testamentarischen Freilassungen in fraudem creditorum, in: Carmina iuris, FS M. Humbert, Paris 2012, S. 599–618.

2013

Zur Neuedition der lex portorii Asiae, ZRG RA 130 (2013) 72–126.

2015

Bemerkungen zu den leges libitinariae, ZRG RA 132 (2015) 421–448.